Ein kleines Glas Wasser neben dem Espresso ist kein bloßes Dekor. Es soll den Mund auf den Kaffee vorbereiten, intensive Röstaromen ausbalancieren und den Genuss angenehmer machen. Entscheidend ist allerdings, wann und wie man es trinkt.
Das Wasserglas gehört zum Espresso vor allem aus geschmacklichen Gründen
- Vorher trinken reinigt den Gaumen und macht feine Aromen besser wahrnehmbar.
- Danach trinken löscht einen bitteren oder langen Nachgeschmack.
- Stilles Wasser ist meist neutraler, während stark sprudelndes Wasser den Geschmack beeinflussen kann.
- Wasser in der Tasse ergibt einen Americano oder einen verlängerten Kaffee, nicht mehr den ursprünglichen Espresso.
- Gutes Maschinenwasser schützt vor Kalk und unterstützt eine ausgewogene Extraktion.

Warum Wasser zum Espresso gehört
Der wichtigste Grund ist der Gaumen. Nach Frühstück, Mittagessen, Zahnpasta oder einem Glas Wein bleiben Aromen im Mund zurück. Ein kleiner Schluck Wasser entfernt diese Rückstände, sodass die Säure, Süße und Röstaromen des Espresso klarer hervortreten.
Ich merke den Unterschied besonders bei helleren Röstungen. Ihre fruchtigen und floralen Noten gehen schnell unter, wenn vorher etwas Würziges oder Süßes gegessen wurde. Wasser schafft hier eine geschmackliche Ausgangslage, ohne selbst ein Aroma aufzudrängen.
Das Glas hat außerdem eine angenehme soziale und kulturelle Funktion. In italienischen Bars gehört es vielerorts zum Espresso-Ritual und signalisiert Aufmerksamkeit gegenüber dem Gast. Die häufig erzählte Erklärung, Wasser habe früher vor allem die Hygiene oder Qualität des Leitungswassers beweisen sollen, ist eher eine historische Überlieferung als eine eindeutig belegte Regel.
Mit der viel gehörten Behauptung, Wasser müsse den Espresso aus gesundheitlichen Gründen ausgleichen, wäre ich vorsichtig. Kaffee kann durch Koffein kurzfristig harntreibend wirken, bei üblichen Mengen trägt das Getränk jedoch selbst zur Flüssigkeitsaufnahme bei. Das Glas Wasser ist deshalb kein notwendiger Schutz vor Austrocknung, sondern in erster Linie eine Frage des Geschmacks und des persönlichen Wohlbefindens.
Vorher oder danach trinken
Traditionell trinkt man das Wasser vor dem ersten Schluck Espresso. Ein oder zwei kleine Schlucke reichen völlig aus. Danach sollte ein kurzer Moment vergehen, damit der Mund nicht mehr nur nach Wasser schmeckt.
- Ein bis zwei Schlucke Wasser trinken.
- Den Espresso kurz riechen und den ersten Schluck ohne Zucker probieren.
- Das restliche Wasser bei Bedarf danach trinken, um den Nachgeschmack zu mildern.
Nach dem Kaffee ist Wasser keineswegs falsch. Es eignet sich besonders dann, wenn der Espresso sehr dunkel geröstet, außergewöhnlich bitter oder lange im Mund präsent ist. Ich nutze es nach einer kräftigen Röstung gern als kleinen Abschluss, würde aber nicht automatisch jeden Espresso damit „wegspülen“.
Was man vermeiden sollte, ist das Wasser in die Espressotasse zu gießen. Dadurch verdünnt sich der Kaffee unkontrolliert, die Crema zerfällt und das Verhältnis von Süße, Säure und Bitterkeit verändert sich. Wer einen milderen Kaffee möchte, sollte ihn bewusst verlängern.
Still oder sprudelnd
Für eine möglichst unverfälschte Verkostung ist stilles Wasser mit neutralem Geschmack die sicherste Wahl. Leicht gekühltes oder zimmerwarmes Wasser wirkt meist angenehmer als sehr kaltes Wasser, das die Geschmacksempfindung kurz dämpfen kann.
| Wasserart | Wirkung | Meine Empfehlung |
|---|---|---|
| Stilles Wasser | Neutral, ruhig und gut zur Aromawahrnehmung | Ideal vor hellen und komplexen Espressoröstungen |
| Leicht perlendes Wasser | Frischt den Mund auf, bleibt meist noch relativ dezent | Passt gut zu kräftigen Röstungen |
| Stark sprudelndes Wasser | Kann den Gaumen reizen und eigene Mineralnoten mitbringen | Eher eine Stilfrage als die beste Wahl für Verkostungen |
In vielen Cafés wird trotzdem Mineralwasser mit Kohlensäure serviert, weil es frisch und aufmerksam wirkt. Dagegen spricht nichts. Wenn ich aber einen besonderen Espresso beurteilen möchte, greife ich zu stillem Wasser ohne dominante Mineralität. Stark mineralisches Wasser kann den Mund selbst belegen und den Kaffee weniger klar erscheinen lassen.
Wasser neben dem Espresso ist nicht dasselbe wie Wasser im Kaffee
Die Unterscheidung klingt banal, verhindert aber viele Missverständnisse. Wasser neben der Tasse dient der Gaumenreinigung. Heißes Wasser, das direkt zum Espresso gegeben wird, verändert dagegen das Getränk.
Ein klassischer Espresso enthält typischerweise etwa 25 bis 30 Milliliter Getränk. Gibt man anschließend weitere 60 bis 120 Milliliter heißes Wasser dazu, entsteht ein Americano oder ein ähnlicher verlängerter Kaffee. Er schmeckt leichter, hat aber nicht dieselbe Konzentration und Textur wie der ursprüngliche Espresso.
Auch ein Lungo ist nicht einfach ein Espresso mit Wasser aus dem Wasserkocher. Beim Lungo läuft mehr Wasser während der Extraktion durch das Kaffeemehl. Dadurch gelangen andere Bestandteile in die Tasse, was den Kaffee bei falscher Einstellung bitter oder trocken machen kann.
Wenn mir ein Espresso zu intensiv ist, verlängere ich ihn lieber gezielt mit heißem Wasser und probiere unterschiedliche Mengen aus. 30 Milliliter Espresso plus 60 Milliliter Wasser ergibt ein deutlich kräftigeres Ergebnis als dieselbe Portion mit 120 Millilitern. So bleibt die Entscheidung kontrolliert und der Kaffee wird nicht zufällig verwässert.
Die Wasserqualität entscheidet schon bei der Zubereitung
Wasser ist nicht nur Begleiter, sondern auch der größte Bestandteil des Getränks. Ein Espresso besteht zu mehr als 90 Prozent aus Wasser. Mineralien, Härte, pH-Wert und mögliche Chloraromen beeinflussen daher, wie gut sich die Aromastoffe aus dem Kaffeemehl lösen.
Sehr hartes Wasser kann den Espresso flach, stumpf oder bitter wirken lassen und bildet zusätzlich Kalk in der Maschine. Sehr weiches oder nahezu mineralfreies Wasser extrahiert dagegen oft unausgewogen und ist für manche Geräte auf Dauer problematisch. Eine gute Lösung liegt meist in der Mitte.
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Was zu Hause sinnvoll ist
- Leitungswasser verwenden, wenn es neutral schmeckt und nicht stark kalkhaltig ist.
- Bei Chlor- oder Fremdgeschmack einen passenden Aktivkohlefilter testen.
- Die Wasserhärte beim örtlichen Versorger prüfen oder mit einem einfachen Teststreifen messen.
- Sehr hartes Wasser nicht ungefiltert dauerhaft in der Siebträgermaschine nutzen.
- Vollständig destilliertes oder durch Umkehrosmose gereinigtes Wasser nur verwenden, wenn es für die Maschine geeignet und gegebenenfalls remineralisiert ist.
Ein Filter ist allerdings kein Freifahrtschein. Wird er zu selten gewechselt, kann sich die Wasserqualität verschlechtern. Außerdem ersetzt weicheres Wasser keine regelmäßige Entkalkung, wenn der Hersteller diese weiterhin vorsieht.
Für die Zubereitung zählt letztlich ein Wasser, das frisch, geruchsneutral und moderat mineralisiert ist. Ich würde zuerst den Geschmack des eigenen Leitungswassers prüfen und erst danach Geld in spezielle Mineralmischungen oder teure Flaschen investieren. Oft bringt ein einfacher, gut gewarteter Filter bereits mehr als ein kompliziertes Rezept.
Das kleine Glas macht aus dem Espresso ein bewussteres Ritual
Die kurze Antwort auf die Frage, warum Wasser zum Espresso serviert wird, lautet deshalb: Es soll den Gaumen vorbereiten, den Geschmack klarer machen und bei Bedarf den Nachhall ausgleichen. Am sinnvollsten trinkt man es in kleinen Schlucken vor dem Espresso, ohne sich an starre Regeln zu klammern.
Mein einfaches Ritual lautet: erst Wasser, dann den Espresso pur probieren und erst danach über Zucker, Milch oder eine weitere Verlängerung entscheiden. So bleibt das Wasserglas genau das, was es sein sollte, ein kleines Hilfsmittel für besseren Kaffeegenuss und kein Pflichtprogramm.